Dies und Das

Wen man so trifft
Am 2.102017 sind wir gegen 16.00 Uhr in Meat Cove angekommen. Ein winziges Dorf, man könnte auch sagen, ein Kaff am Ende der Welt. Auf dem Campground, der zugegeben eine atemberaubende Aussicht auf den Atlantik bietet, kein Mensch. Aber in der kleinen, spärlich beleuchteten Hütte des Empfangs saß ein junger Mann, der Host, und bot uns alle Plätze zur Auswahl an. Es regnete leicht, war sehr windig und mit 9 Grad Celsius auch kalt, aber er harrte in seiner Hütte aus, als ob er off Season und bei schlechtem Wetter noch viele Reisende erwartete. Am Ende, als es dunkel wurde, waren mit uns drei Camper auf dem Platz und in eine Hütte war ein junges Paar geflüchtet, das den Plan zu zelten angesichts der steifen Brise aufgegeben hatte. Das Warten hatte sich für ihn gelohnt.

Als wir um die Ecke auf den MacLeod´s Beach Campsite einbogen, bot sich uns eine beeindruckende Aussicht. Vor dem tiefblauen Meer bei bestem Oktobersonnenschein standen auf einer grünen Wiese die dortigen Camper, in lockeren Reihen angeordnet. Ein Klingeln am Office und nach einiger Zeit erschien der Host, Typ Schotte. Bei näherem Hinsehen gab es auch noch schöne Plätze oceanfront, aber angesichts des Gewichts unseres Fahrzeuges, konnte er uns nur einen befestigten Platz in einer der hinteren Reihen anbieten. Geht ja auch, auch von dort kann man zum Meer laufen.
Okay und neben wem standen wir nun? Neben der Dauercamper-Gang, die sich bei Musik, Bier und dem Spiel „große Unterlegscheiben in einen Kasten werfen“ entspannten. Kanadier begegneten uns im allgemeinen sehr offen und diese taten es auch. Also durften wir mitspielen und zu späterer Stunde auch mittrinken. Dabei erfährt man zum Beispiel, dass alle Camper den Sommer zum Teil seit Jahrzehnten auf diesem Platz verbringen. Alle wohnten und arbeiteten auf der Insel Cape Breton. Und ihre Wochenenden und Urlaube verbrachten Sie auf der anderen Seite von Cape Breton. Ist das nun Bequemlichkeit, Patriotismus oder Nationalismus?

Das führt zu einer Begegnung auf einer Straßenbaustelle. Oft wartet man vor einem lebendigen Straßenschild. Zu einem dieser Straßenschilder kam ein Bauleiter vorbei, der unser auffälliges Auto schon von weitem gesehen hatte. Es stellte sich heraus, dass er aus England stammte und seit einiger Zeit in Kanada arbeitete. Nachdem wir ein paar freundliche Worte ausgetauscht hatten, kam doch dieser bemerkenswerte Satz: Er findet, dass Kanada ein großartiges Land ist. Aber er findet auch, dass alle Kanadier und alle Amerikaner vom Staat verpflichtet werden sollten, einmal im Leben ihr Land zu verlassen. Um einmal festzustellen, dass es außer ihrem Land auch noch andere Länder, Sichtweisen, Gedanken, Sprachen und Menschen gibt. Das würde aus seiner Sicht, Kanada wirklich great und nicht, wie er es im kleinen empfindet, manchmal kleinkariert machen. Auch eine Ansicht.

Natur und?
Als Reisender nach Kanada träumt man von intakter und großartiger Natur. Aber auch hier sieht man, dass alles mit allem zusammenhängt. Der Host des großartigen Campgrounds Meat Cove hatte vor sich Prospekte liegen, die versprachen, dass man von diesem Punkt aus mit 95 prozentiger Sicherheit Wale sehen könne. Oh, freut sich der Tourist aus Hamburg. Oh, meint der nette Host: Dieses Jahr haben wir leider noch nicht einen Wal sichten können. Wir wissen nicht warum: Meeresströmungen, zu wenig Nahrung hier, zu schmutzig, zu laut? SCHADE AUF ALLE FÄLLE FÜR ALLE, DIE WALE, DIE TOURISTEN, DIE LEUTE VOR ORT.

Wir mussten ja bei Cape Breton Trailer Sales den Winterablauf des Wassertanks reparieren lassen. Als alle gerichtet war, wollten wir gleich mal ein bisschen Wasser einlassen, um zu sehen, ob nun alles dicht war. Auf unsere Bitte an die Werkstatt ein wenig Wasser bunkern zu dürfen, kam die Antwort, besser nicht, unser Wasser ist zu schlecht.
Einen Tag zuvor hatte uns der Host eines Campgrounds noch das Hohe Lied seines wunderbaren Wassers gesungen.
Wasser ist also hier, wo es Wasser scheinbar im Überfluß gibt, nicht gleich Wasser zu sein. Die Qualität ist höchst unterschiedlich. Zu Hause haben wir nie darüber nachgedacht, dass Wasser bei uns überall bedenkenlos trinkbar ist. Was für ein Luxus.

Weihnachtsbräuche?
Da wir am 18.10.2017 in Labrador zum ersten Mal in diesem Herbst Schnee gesehen haben und der auch noch schön auf den Bäumen liegen blieb und uns das an Weihnachten erinnert, können wir auch über einen schönen Weihnachtsbrauch in Labrador berichten. Da die Orte ziemlich klein sind und man eh alles über die anderen weiß und seinen Nachbarn wahrscheinlich am Schritt erkennen kann, hat man sich etwas nettes ausgedacht. Man verkleidet sich und spricht nur mit eingezogenem Atem. Ähnlich wie beim Paten. Und dann müssen die anderen erraten, wer man ist. Wenn man richtig liegt, gibt es Kuchen. Bei Martin läge man also immer richtig. Daran erinnern auch kleine Figuren, die man hier kaufen kann. Sie tragen, wie früher, als man noch keine Kostüme fertig kaufen konnte, bunte Tücher über das Gesicht und sehen wirklich hübsch aus.

Wo ist das Ende der Welt?
Manchmal kann man auch bei netten Unterhaltungen einfach mithören. Als wir auf der Fähre von Neufundland nach Labrador auf der Treppe warteten, um wieder in unser WoMo einsteigen zu können, unterhielten sich zwei Kanadier. Der eine wollte als passionierter Hobby-Ornithologe nach Labrador und fragte eine vor ihm stehende Frau, ob sie aus Labrador stamme. Sie verneinte und erklärte, dass sie aus Quebec komme. „Wo genau?“ insistierte der Vogelmann. „Out in the boonies“ antwortete die Frau, was soviel bedeutet, wie „vom Arsch der Welt“. Aha, und wie kommt man dorthin? Einmal in der Woche, nur mit dem Schiff. Das erschien auch Martin und mir weit draußen. Sie meinte wohl solche Weiler wie La Tabatière oder Baie-des-Ha!Ha!, die zu Quebec und nicht zu Labrador gehören.

Ureinwohner
Obwohl wir in keinem Interpretative Center für die Ureinwohner Labradors waren, wurde an eine Geschichte immer wieder erinnert. Die der Beothuk, das war ein Stamm der Ureinwohner Neufundlands, der inzwischen ausgestorben ist. Sie waren Jäger und Fischer und lebten mit ihren Familien in kleinen unabhängigen Gruppen. Von den Europäern hielten sie sich fern und lebten fortan mehr im Landesinneren. Wenn aber die Europäer, die vor allem im Sommer an den Küsten lebten, ihre Lager im Winter verließen, dann kamen die Beothuk doch gerne vorbei und nahmen sich, was sie gebrauchen konnten. Das wiederum stieß bei den Europäern nicht auf große Liebe. Mit der Zeit eskalierte der Streit zwischen den Beothuk und den weißen immer mehr und außerdem schürten die Europäer den Streit zwischen den traditionell verfeindeten Beothuk und den Mi ´kmaq, indem sie letztere auch mit Waffen ausrüsteten. Die Beothuk gerieten immer mehr in Bedrängnis und sie lebten immer isolierter und hungerten sehr. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es nur noch eine kleine Gruppe und auch diese wurde mit Gewalt dezimiert, obwohl 1810 die britische Regierung den Schutz der Indianer verfügte. 1829 starben die letzten beiden Beothuk Frauen Mary March und Shanawdihit.

Statistik
Wieviel Menschen wohnen in NL? Ich meine Neufundland-Labrador und nicht Holland. Am 1. Juli 2016 wohnen in ganz Labrador und Neufundland 530.128 Menschen. Für 2017 werden laut Labrador Statistics Agency 523.159 prognostiziert. Wobei im Großraum St. John’s schon 197.000 Menschen wohnen und in St. John’s selbst 106.000. In Labrador wohnen ca. 30.000 Menschen auf einer Fläche von 295.000 Quadratkilometer. Das erklärt die weiten Gebiete, wo niemand wohnt und man 200 Kilometer und mehr fährt, ohne ein Haus zu sehen.
In Labrador arbeiten die meisten in Churchill Falls und in Happy Valley Goose Bay in den jeweiligen Wasserkraftwerken und in Labrador City in den Minen. Der Sommer ist kurz, der Winer lang. Viel zu tun außer Hunten, Fischen und Skidoofahren gibt es in der Freizeit nicht. Verdient wird gut, aber die Lebenshaltungskosten sind auch hoch. So ziehen die meisten, mit Beginn der Rente nach Neufundland, wo man außerhalb von St. John’s noch günstig ein Haus kaufen kann.

Wie man so wohnt
Jede Verallgemeinerung ist falsch, dennoch der Versuch, ein durchschnittliches „Anwesen“ in NL zu beschreiben.

Das Haus selbst ist ein Mobile Home, d.h. ein fertiges Fertighaus. Meist aus zwei Teilen zusammengebaut sind diese Einheiten etwas netter als zu Martins Studienzeiten in den USA, aber doch als solche zu erkennen.
Die Häuser werden nicht ebenerdig gebaut, sondern, um der Schneehöhe Rechnung zu tragen, meist um ein halbes bis ein ganzes Stockwerk erhöht. Zu jedem Eingang gibt es die entsprechend solide gebaute Holztreppe, bei vielen Häusern ausserdem eine rollstuhlgeeignete Rampe, die das Haus zwei bei dreimal quert, um die Höhe zu erreichen.
Vor dem Haus am Straßenrand steht eine „wildfeste“ Holzkiste für den Müll, die in unwahrscheinlich vielen Farben dekoriert und gestrichen sein kann.

In jedem Haus gibt es eine Holzfeuerstelle, meist aus Stahl mit einigen wenigen Schamottesteinen ausgekleidet. Holz ist billig und außerdem gut für „a guys weekend in the cabin“, um selbiges zu holen. Vom Trocknen des Holzes hält man nur begrenzt viel, wodurch es mancherorts ziemlich nach Qualm riecht.

Dem Thema Holz begegnet man überall. Es gibt eine schier unendliche Zahl an Holzlagerstätten neben der Strasse. Mal sind diese mit dem Auto, mal nur mit dem ATV (all terrain vehicle – vulgo Quad) zu erreichen. Bei einer Vielzahl dieser Lagerplätze liegen auch Schlitten als Anhänger, um das Holz im Winter holen zu können.

Das erfordert natürlich einen entsprechenden Fuhrpark. Der Herr des Hauses hat natürlich seinen Truck. Vierradantrieb. Die Dame des Hauses fährt gern ein kleines SUV.
Für die Jagd und sonstige Wildnis-orientierte Tätigkeiten gibt es das bereit erwähnte ATV. Dies in Ausführungen vom Einsitzer, über Zweisitzer (hintereinander) zu Zweisitzer (nebeneinander) mit Überrollkäfig bis hin zum Viersitzer. Gern auch mit kleiner Ladefläche und Halter für das Gewehr.

Nachdem es aber auch einen langen Winter gibt, benötigt man auch noch Ski-Doos: „Oh Yeah, every house has its 2-3 Ski-Doos“.

Dann braucht man natürlich noch einen Anhänger für den ATV, das Ski-Doo (manchmal auch Sea-Doo) und sonstige Dinge. Und natürlich noch den obligatorischen Wohnwagen in Form eines Sattelaufliegers mit „solide outs“. Je nach Ordnungssinn des Hauseigentümers steht alles verstreut auf dem Grundstück oder gesammelt in einer größeren Scheune.

Internet
In den vergangenen drei Jahren hat sich die geographische Verbreitung dieses “Internets” deutlich gesteigert. Bei der echten Verfügbarkeit, gemessen in Stabilität und Geschwindigkeit, fühlt man sich an die Zeiten von Boris Beckers AOL Werbung “Bin ich schon drin?” zurück versetzt.
Eine nette Mitarbeiterin verriet uns das Password Ihres Netzzugangs: “crappy internet – all lower case – but it probably won’t work”. Sie hatte Recht. Eine gute Zusammenfassung.

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