Edmundson

Als wir heute aufwachten, regnete es in Strömen und vom Meer zog ein dicker Nebel herein. Wir fuhren noch ca. 30 Kilometer am St. Lorenz-Strom vorbei nach Rivière-du-Loup. Dabei fuhren wir an Bauernhöfen vorbei, an abgeernteten Feldern und durch das Dorf Cacouna. Ein Bilderbuchdorf. Eine Allee von bunten Ahornbäumen (hier ist der Herbst noch in vollem Gange) und dahinter wunderschöne bunte Holzhäuser mit umlaufenden Terrassen und schön geschwungenen Dächern. Die meisten Häuser waren schön herbstlich dekoriert und dort, wo es offensichtlich Kinder gibt auch schon für Halloween geschmückt. Überhaupt ist die Küste von Matane bis Quebec sehr schön, ländlich, am Meer gelegen und für die Frankophonen unter uns eine echte Alternative zum Urlaub in Frankreich.
Unser Ziel heute war Edmundston, die Stadt, in der angeblich das Lumber Jacket erfunden wurde, also die dicke schwarz-rot karierte Holzfällerjacke, die wir mit Kanada verbinden. Die überaus nette Dame im Touristenbüro haben wir danach gefragt, ob dieses Kleidungsstück hier wirklich erfunden wurde. Sie staunte nicht schlecht, davon habe sie noch nie etwas gehört. Ich glaube, hier haben wir das Motto für 2018 für Edmundston gefunden. Martin und ich sehen für nächstes Jahr schon überall übergroße Werbe-Holzfällerjacken hängen mit der Einladung zum Wettbewerb Mister Lumber Jacket 2018. Yea!!
Man merkt, wir mussten uns heute den Tag irgendwie schön spinnen, denn es regnete, nein schüttete wie aus Kübeln. Unser kleiner Stadtspaziergang mit Mittagessen endete damit, dass das Wasser aus den Schuhen lief und die Jeans nun zum Trocknen in der Dusche hängen.
Morgen verlassen wir Kanada und reisen in die USA ein.
Chiao Edmundston, die Hauptstadt von Madawaska.

Über den St. Lorenz Strom

Heute morgen regnete es in Strömen und man sah vor lauter Nebel nicht viel. Für 11.00 Uhr hatten wir eine Fähre nach Matane gebucht. Das Schiff namens F.A. Gauthier war neu und die Überfahrt ruhig und angenehm. Wale und Delphine waren wegen des dichten Nebels nicht auszumachen. Einzig der Elchkopf auf dem Pickup vor uns im Laderaum des Schiffes verursachte ein wenig Grusel.
In Matane ging es dann direkt weiter nach Grand-Métis. Die Jardins de Métis waren leider schon geschlossen, sie sollen eine der schönsten botanischen Gärten Nordamerikas sein. Also blieb es bei einem kleinen Spaziergang und der Eindruck war wirklich gut.
Unser nächster Stopp war in Sainte-Flavie, wo wir schon 2014 die aus dem Meer auftauchenden Figuren des Künstlers Marcel Gagnon bewunderten und fotografierten. Schon vor drei Jahren haben wir überlegt, dass solche eine Installation auch gut nach St. Peter-Ording passen würde.
Das Wetter wechselte ständig. Von 22 Grad Celsius bis 17 Grad Celsius, starke Seenebel, starken Wind und Regen war alles dabei. Die Straße führte uns durch Rimouski und am Parc National du BIC vorbei nach Trois-Pistoles. Was für ein Name für einen Ort.
Unser Ziel war die Fromagerie des Basques. Die Käserei hat 24 Stunden am Tag geöffnet. Und das ihn einem Kuhdorf. Aber die Bundesstraße führt direkt hindurch und der Käse ist so lecker, dass es offensichtlich Liebhaber rund um die Uhr gibt. Wir füllten unsren Kühlschrank und wechselten die Straßenseite, denn hier betreibt die Käserei ein Restaurant. Es gab unter anderem eine ansprechend mit Weintrauben, Nüssen und Cranberries angerichtete Käseplatte und ein Gläschen Rotwein. Das ist mit das Schönste an unserer Art zu Reisen. Immer wenn man denkt, jetzt geht heute Abend nur noch Stellplatz an der Tanke, da taucht wie aus dem Nichts ein nettes Lokal oder eine schöne Location auf. Wie gut, dass das Leben immer voller Überraschungen steckt.

Baie-Comeau

Noch knapp hundert Kilometer waren heute nach Baie-Comeau zu fahren. Gestartet haben wir allerdings mit einem sehr leckeren Frühstück, Ei, Speck, Hash-Browns, Toast, Saft und Kaffee im Relais Manic Outardes. Der Chef selbst bereitete es zusammen mit einer launigen Unterhaltung zu.
Unser erster Stop war an einem See, wo es Bieberbauten und von Biebern abgenagte Baumstämme zu bewundern gab. Der Bieber selbst zeigte sich leider nicht.

An der letzen Staustufe Manic-2 vorbei und schon waren wir am Lorenz Strom. Das Wasser der beiden Flüsse Manic und Outardes wird auf mehreren Staustufen verstromt und über große Überlandleitungen dorthin gebracht, wo es gebraucht wird. Also zum Beispiel in Baie-Comeau, wo es ein Aluminiumwerk und eine Fabrikation für Spanplatten gibt. Der Ort wirkt aber nicht industriell schmutzig, sondern französisch adrett. Die Trattoria Mikes servierte überaus leckeres Essen. Und ein bisschen Nachhilfe in französischer Sprache. Den restlichen Tag machten wir Wäsche, gingen spazieren und reservieren eine Fähre für morgen über den Lorenzstrom nach Matane

Nach Baie Comeau

Um es vorweg zu sagen, der Tag endete unerwartet und damit umso erfreulicher mit „Vol aux Vents“, besser bekannt auch als „Pastetchen“, dem Gericht feierlicher Anlässe aus meiner Jugend.
Unser Tag begann mit einem Cappuccino bei Tim Hortons. Danach brauchten wir Wasser. Und wir bekamen es bei der überaus hilfsbereiten Feuerwehr von Labrador City. Wir durften auch die superglänzenden, gepflegten und technisch bemerkenswerten Feuerwehrautos anschauen.
Danach ging es auf die Straße nach Baie Comeau. 585 Kilometer. Wir dachten, eine mehr oder weniger gut geteerte Straße galt es zu bewältigen. Aber schon kurz hinter Labrador City waren die ersten 100 Kilometer Gravel oder besser Lehmstraße. Und was gibt es zu sehen? Natürlich das übliche, Seen, Wald und Grasland. Das spielt aber nicht so die Rolle. Vorherrschend ist der Dreiklang von Eisenbahntrasse, Stromtrasse und Straße. Und dann natürlich kurz hinter Labrador City eine Mine im Tagebau. Ohne direkt Mitglied von Greenpeace werden zu wollen, aber es stimmt einen schon nachdenklich, wenn man die riesigen Abraumberge sieht, die archaisch wirkenden Industriebauten, die Abwasserseen und ewig lange mit Erzen beladene Züge.

Nach 100 Kilometern ist die Straße auf einmal geteert. Dafür geht nun die Straßenführung direkt durch die Berge, steil rauf und steil und kurvig runter. Hier lernt man das Schalten.
Da wir uns nun in Quebec befinden, sind alle Straßenschilder in Französisch gehalten. Nach weiteren 100 Kilometern fährt man an einem riesigen Staudamm vorbei. Man fährt von der Krone der Staumauer runter unterhalb der Sohle. Gigantisch. Ein großes Umspannwerk, ein paar Arbeiterwohnheime und sonst nichts.
Und weiter geht wieder auf Gravelroad und dann wieder auf frischem Teer. Schade ist, dass es fast keine Möglichkeiten zur Pause gibt. Dann und wann gibt es überaus häßliche und ungepflegte Turnouts, die nicht zum Verweilen einladen. Wo es einen See gibt, führt die Straße schnurstracks dran vorbei. Oder man sieht kleine Jagdhütten mitten im Wald, die man auch nicht erreichen kann. Und dann gibt es noch SOS Stellen (sehen aus wie Telefonhäuschen), von wo man Hilfe holen kann. Wichtig, denn auf der ganzen Strecke hat man keinen Handy Empfang.
Nach 450 Kilometern hatten wir genug. Der nächste Platz würde unser Übernachtungsplatz werden, egal, wie hässlich.
Und da erschien das Relais Manic Outardes. Auf den ersten Blick kein hübscher Ort. Ein einfaches Haus, eine Tanke und Schlafbaracken. Aber dort essen und schlafen die Arbeiter umliegender Baustellen und einer Papierfabrik. Was brauchen Männer in der Wildnis? Gutes Essen. Kein Wunder, dass die meisten das zweite Gericht, nämlich Steak mit Kartoffelbrei und Gemüse wählten. Nach meiner Pastete und Martins Steak und zwei Bier wurde das Gasthaus zum Hort französischer Gastlichkeit.

Labrador City

Leider konnten wir keine Führung durch das Wasserkraftwerk von Grand Falls machen. Das wäre erst am Montag wieder gegangen, aber in Grand Falls gab es wirklich nichts, mit dem man den Tag hätte sinnvoll gestalten können. Also machten wir uns auf den Weg zur letzten „Metropole“ Labradors, nämlich Labrador City. Die Sonne schien, das Fahren war angenehm und so rollten wir hier ein. Zunächst zeigte sich uns der Industrie-Teil der Stadt. Nun ja. Da man in Kanada allgemein verschwenderisch mit Land umgeht, lagen auf irgendwelchen Brachen Maschinenteile herum, dann wieder gab es Fabrikhallen, Lagerhallen und Zweckbauten. Alle nicht hübsch.
Der Besuch in der Mall endete bei Tim Horton. Das Angebot von Canadian Tire und Walmart lockte nicht so sehr. Ein kurzer Besuch im oberhalb des Ortes gelegenen Skigebiet würde bei Schnee so seine Reize haben, also gab es noch einen Spaziergang um den Naherholungssee.
Es gibt in Labrador City hübsche Einfamilienhäuser, zur Zeit auf Halloween hin geschmückt, daneben hängt an den Laternen schon die Weihnachtsbeleuchtung. Es gib hier alles, was eine Stadt braucht, also Krankenhaus, Schulen, Fußballplatz. Aber man sieht auch, dass diese Stadt erst in den 1960er Jahren entstanden ist.

Dies und Das

Wen man so trifft
Am 2.102017 sind wir gegen 16.00 Uhr in Meat Cove angekommen. Ein winziges Dorf, man könnte auch sagen, ein Kaff am Ende der Welt. Auf dem Campground, der zugegeben eine atemberaubende Aussicht auf den Atlantik bietet, kein Mensch. Aber in der kleinen, spärlich beleuchteten Hütte des Empfangs saß ein junger Mann, der Host, und bot uns alle Plätze zur Auswahl an. Es regnete leicht, war sehr windig und mit 9 Grad Celsius auch kalt, aber er harrte in seiner Hütte aus, als ob er off Season und bei schlechtem Wetter noch viele Reisende erwartete. Am Ende, als es dunkel wurde, waren mit uns drei Camper auf dem Platz und in eine Hütte war ein junges Paar geflüchtet, das den Plan zu zelten angesichts der steifen Brise aufgegeben hatte. Das Warten hatte sich für ihn gelohnt.

Als wir um die Ecke auf den MacLeod´s Beach Campsite einbogen, bot sich uns eine beeindruckende Aussicht. Vor dem tiefblauen Meer bei bestem Oktobersonnenschein standen auf einer grünen Wiese die dortigen Camper, in lockeren Reihen angeordnet. Ein Klingeln am Office und nach einiger Zeit erschien der Host, Typ Schotte. Bei näherem Hinsehen gab es auch noch schöne Plätze oceanfront, aber angesichts des Gewichts unseres Fahrzeuges, konnte er uns nur einen befestigten Platz in einer der hinteren Reihen anbieten. Geht ja auch, auch von dort kann man zum Meer laufen.
Okay und neben wem standen wir nun? Neben der Dauercamper-Gang, die sich bei Musik, Bier und dem Spiel „große Unterlegscheiben in einen Kasten werfen“ entspannten. Kanadier begegneten uns im allgemeinen sehr offen und diese taten es auch. Also durften wir mitspielen und zu späterer Stunde auch mittrinken. Dabei erfährt man zum Beispiel, dass alle Camper den Sommer zum Teil seit Jahrzehnten auf diesem Platz verbringen. Alle wohnten und arbeiteten auf der Insel Cape Breton. Und ihre Wochenenden und Urlaube verbrachten Sie auf der anderen Seite von Cape Breton. Ist das nun Bequemlichkeit, Patriotismus oder Nationalismus?

Das führt zu einer Begegnung auf einer Straßenbaustelle. Oft wartet man vor einem lebendigen Straßenschild. Zu einem dieser Straßenschilder kam ein Bauleiter vorbei, der unser auffälliges Auto schon von weitem gesehen hatte. Es stellte sich heraus, dass er aus England stammte und seit einiger Zeit in Kanada arbeitete. Nachdem wir ein paar freundliche Worte ausgetauscht hatten, kam doch dieser bemerkenswerte Satz: Er findet, dass Kanada ein großartiges Land ist. Aber er findet auch, dass alle Kanadier und alle Amerikaner vom Staat verpflichtet werden sollten, einmal im Leben ihr Land zu verlassen. Um einmal festzustellen, dass es außer ihrem Land auch noch andere Länder, Sichtweisen, Gedanken, Sprachen und Menschen gibt. Das würde aus seiner Sicht, Kanada wirklich great und nicht, wie er es im kleinen empfindet, manchmal kleinkariert machen. Auch eine Ansicht.

Natur und?
Als Reisender nach Kanada träumt man von intakter und großartiger Natur. Aber auch hier sieht man, dass alles mit allem zusammenhängt. Der Host des großartigen Campgrounds Meat Cove hatte vor sich Prospekte liegen, die versprachen, dass man von diesem Punkt aus mit 95 prozentiger Sicherheit Wale sehen könne. Oh, freut sich der Tourist aus Hamburg. Oh, meint der nette Host: Dieses Jahr haben wir leider noch nicht einen Wal sichten können. Wir wissen nicht warum: Meeresströmungen, zu wenig Nahrung hier, zu schmutzig, zu laut? SCHADE AUF ALLE FÄLLE FÜR ALLE, DIE WALE, DIE TOURISTEN, DIE LEUTE VOR ORT.

Wir mussten ja bei Cape Breton Trailer Sales den Winterablauf des Wassertanks reparieren lassen. Als alle gerichtet war, wollten wir gleich mal ein bisschen Wasser einlassen, um zu sehen, ob nun alles dicht war. Auf unsere Bitte an die Werkstatt ein wenig Wasser bunkern zu dürfen, kam die Antwort, besser nicht, unser Wasser ist zu schlecht.
Einen Tag zuvor hatte uns der Host eines Campgrounds noch das Hohe Lied seines wunderbaren Wassers gesungen.
Wasser ist also hier, wo es Wasser scheinbar im Überfluß gibt, nicht gleich Wasser zu sein. Die Qualität ist höchst unterschiedlich. Zu Hause haben wir nie darüber nachgedacht, dass Wasser bei uns überall bedenkenlos trinkbar ist. Was für ein Luxus.

Weihnachtsbräuche?
Da wir am 18.10.2017 in Labrador zum ersten Mal in diesem Herbst Schnee gesehen haben und der auch noch schön auf den Bäumen liegen blieb und uns das an Weihnachten erinnert, können wir auch über einen schönen Weihnachtsbrauch in Labrador berichten. Da die Orte ziemlich klein sind und man eh alles über die anderen weiß und seinen Nachbarn wahrscheinlich am Schritt erkennen kann, hat man sich etwas nettes ausgedacht. Man verkleidet sich und spricht nur mit eingezogenem Atem. Ähnlich wie beim Paten. Und dann müssen die anderen erraten, wer man ist. Wenn man richtig liegt, gibt es Kuchen. Bei Martin läge man also immer richtig. Daran erinnern auch kleine Figuren, die man hier kaufen kann. Sie tragen, wie früher, als man noch keine Kostüme fertig kaufen konnte, bunte Tücher über das Gesicht und sehen wirklich hübsch aus.

Wo ist das Ende der Welt?
Manchmal kann man auch bei netten Unterhaltungen einfach mithören. Als wir auf der Fähre von Neufundland nach Labrador auf der Treppe warteten, um wieder in unser WoMo einsteigen zu können, unterhielten sich zwei Kanadier. Der eine wollte als passionierter Hobby-Ornithologe nach Labrador und fragte eine vor ihm stehende Frau, ob sie aus Labrador stamme. Sie verneinte und erklärte, dass sie aus Quebec komme. „Wo genau?“ insistierte der Vogelmann. „Out in the boonies“ antwortete die Frau, was soviel bedeutet, wie „vom Arsch der Welt“. Aha, und wie kommt man dorthin? Einmal in der Woche, nur mit dem Schiff. Das erschien auch Martin und mir weit draußen. Sie meinte wohl solche Weiler wie La Tabatière oder Baie-des-Ha!Ha!, die zu Quebec und nicht zu Labrador gehören.

Ureinwohner
Obwohl wir in keinem Interpretative Center für die Ureinwohner Labradors waren, wurde an eine Geschichte immer wieder erinnert. Die der Beothuk, das war ein Stamm der Ureinwohner Neufundlands, der inzwischen ausgestorben ist. Sie waren Jäger und Fischer und lebten mit ihren Familien in kleinen unabhängigen Gruppen. Von den Europäern hielten sie sich fern und lebten fortan mehr im Landesinneren. Wenn aber die Europäer, die vor allem im Sommer an den Küsten lebten, ihre Lager im Winter verließen, dann kamen die Beothuk doch gerne vorbei und nahmen sich, was sie gebrauchen konnten. Das wiederum stieß bei den Europäern nicht auf große Liebe. Mit der Zeit eskalierte der Streit zwischen den Beothuk und den weißen immer mehr und außerdem schürten die Europäer den Streit zwischen den traditionell verfeindeten Beothuk und den Mi ´kmaq, indem sie letztere auch mit Waffen ausrüsteten. Die Beothuk gerieten immer mehr in Bedrängnis und sie lebten immer isolierter und hungerten sehr. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es nur noch eine kleine Gruppe und auch diese wurde mit Gewalt dezimiert, obwohl 1810 die britische Regierung den Schutz der Indianer verfügte. 1829 starben die letzten beiden Beothuk Frauen Mary March und Shanawdihit.

Statistik
Wieviel Menschen wohnen in NL? Ich meine Neufundland-Labrador und nicht Holland. Am 1. Juli 2016 wohnen in ganz Labrador und Neufundland 530.128 Menschen. Für 2017 werden laut Labrador Statistics Agency 523.159 prognostiziert. Wobei im Großraum St. John’s schon 197.000 Menschen wohnen und in St. John’s selbst 106.000. In Labrador wohnen ca. 30.000 Menschen auf einer Fläche von 295.000 Quadratkilometer. Das erklärt die weiten Gebiete, wo niemand wohnt und man 200 Kilometer und mehr fährt, ohne ein Haus zu sehen.
In Labrador arbeiten die meisten in Churchill Falls und in Happy Valley Goose Bay in den jeweiligen Wasserkraftwerken und in Labrador City in den Minen. Der Sommer ist kurz, der Winer lang. Viel zu tun außer Hunten, Fischen und Skidoofahren gibt es in der Freizeit nicht. Verdient wird gut, aber die Lebenshaltungskosten sind auch hoch. So ziehen die meisten, mit Beginn der Rente nach Neufundland, wo man außerhalb von St. John’s noch günstig ein Haus kaufen kann.

Wie man so wohnt
Jede Verallgemeinerung ist falsch, dennoch der Versuch, ein durchschnittliches „Anwesen“ in NL zu beschreiben.

Das Haus selbst ist ein Mobile Home, d.h. ein fertiges Fertighaus. Meist aus zwei Teilen zusammengebaut sind diese Einheiten etwas netter als zu Martins Studienzeiten in den USA, aber doch als solche zu erkennen.
Die Häuser werden nicht ebenerdig gebaut, sondern, um der Schneehöhe Rechnung zu tragen, meist um ein halbes bis ein ganzes Stockwerk erhöht. Zu jedem Eingang gibt es die entsprechend solide gebaute Holztreppe, bei vielen Häusern ausserdem eine rollstuhlgeeignete Rampe, die das Haus zwei bei dreimal quert, um die Höhe zu erreichen.
Vor dem Haus am Straßenrand steht eine „wildfeste“ Holzkiste für den Müll, die in unwahrscheinlich vielen Farben dekoriert und gestrichen sein kann.

In jedem Haus gibt es eine Holzfeuerstelle, meist aus Stahl mit einigen wenigen Schamottesteinen ausgekleidet. Holz ist billig und außerdem gut für „a guys weekend in the cabin“, um selbiges zu holen. Vom Trocknen des Holzes hält man nur begrenzt viel, wodurch es mancherorts ziemlich nach Qualm riecht.

Dem Thema Holz begegnet man überall. Es gibt eine schier unendliche Zahl an Holzlagerstätten neben der Strasse. Mal sind diese mit dem Auto, mal nur mit dem ATV (all terrain vehicle – vulgo Quad) zu erreichen. Bei einer Vielzahl dieser Lagerplätze liegen auch Schlitten als Anhänger, um das Holz im Winter holen zu können.

Das erfordert natürlich einen entsprechenden Fuhrpark. Der Herr des Hauses hat natürlich seinen Truck. Vierradantrieb. Die Dame des Hauses fährt gern ein kleines SUV.
Für die Jagd und sonstige Wildnis-orientierte Tätigkeiten gibt es das bereit erwähnte ATV. Dies in Ausführungen vom Einsitzer, über Zweisitzer (hintereinander) zu Zweisitzer (nebeneinander) mit Überrollkäfig bis hin zum Viersitzer. Gern auch mit kleiner Ladefläche und Halter für das Gewehr.

Nachdem es aber auch einen langen Winter gibt, benötigt man auch noch Ski-Doos: „Oh Yeah, every house has its 2-3 Ski-Doos“.

Dann braucht man natürlich noch einen Anhänger für den ATV, das Ski-Doo (manchmal auch Sea-Doo) und sonstige Dinge. Und natürlich noch den obligatorischen Wohnwagen in Form eines Sattelaufliegers mit „solide outs“. Je nach Ordnungssinn des Hauseigentümers steht alles verstreut auf dem Grundstück oder gesammelt in einer größeren Scheune.

Internet
In den vergangenen drei Jahren hat sich die geographische Verbreitung dieses “Internets” deutlich gesteigert. Bei der echten Verfügbarkeit, gemessen in Stabilität und Geschwindigkeit, fühlt man sich an die Zeiten von Boris Beckers AOL Werbung “Bin ich schon drin?” zurück versetzt.
Eine nette Mitarbeiterin verriet uns das Password Ihres Netzzugangs: “crappy internet – all lower case – but it probably won’t work”. Sie hatte Recht. Eine gute Zusammenfassung.

Von Happy Valley Goose Bay nach Churchill Falls

Nach einer ruhigen Nacht auf dem Parkplatz des Krankenhauses von Happy Valley Goose Bay ging es zunächst zur Bibliothek im Elizabeth Goudie Building. Da diese noch geschlossen war, nutzten wir von einem Vorraum aus das Internet, um unsere Reiseberichte hochzuladen. Das war erfreulich stabil und so mussten wir nicht allzu lange rumwerkeln, bis alles erledigt war.

Danach ging es zum interessantesten Laden, den wir seit langem gesehen haben: Northern Lights Ltd. in der Hamilton River Road. Er warb von außen für Ausrüstung zum Angeln, Jagen und Outdooraktivitäten allgemein. Nein und es war nicht die kanadische Ausgabe von Globetrotter. Es war eine Offenbarung, die in der dritten Generation ihre Kundschaft bediente. Auf zwei Stockwerken gab es Schmuck aus Labradorit, Traumfänger in allen Größen, Mokassins, Felle, Rucksäcke, Anhänger für Snowmobile, Warme Kleidung, T-Shirts von Waffenanbietern, Waffen, Munition, Äxte und zwar richtige, Schaufeln, Werkzeug, Mützen, Hüte, Handschuhe, ausgestopfte Tiere, Angeln, Blinker, Mückenspray, und, und, und. Der Abend würde nicht reichen, um alles aufzuzählen. Das ganze wurde ergänzt um eine kleine museale Abteilung, in der Uniformen aus dem zweiten Weltkrieg und von DDR Grenzschützern, Waffenteile und militärische Abzeichen dargeboten wurden.
Das machte natürlich noch einen Besuch bei Tim Hortons nötig. Dort trafen wir Bonnie, die nette Dame gestern vom Auto-Waschplatz. Sie war hier bei Tims bei ihrem zweiten Job an der Kasse. Das Leben in Labrador ist teuer und da muss man hart ran. Aber Bonnie verabschiedete uns warmherzig und wir freuen uns, von ihr über unseren Blog zu hören.
Nun wurde es aber Zeit, uns auf den Weg nach Churchill Falls zu machen. Die Straße ist frisch geteert, leider war es sehr windig und sonnige Abschnitte wechselten mit Schneeschauern. So war das Fahren ein bisschen anstrengend. Begleitet wird man die ganze Zeit von breiten Schneisen, die für große Stromtrassen geschlagen wurden. In Churchill Falls gibt es 75 Meter hohe Wasserfälle des Churchill Rivers, die für die Stromgewinnung genutzt werden. Mit den 1960er Jahren begann der Bau des Wasserkraftwerks, das heute eines der größten auf diesem Planeten ist. Der Eindruck beim Vorbeifahren bestätigt das.
Der Ort Churchill Falls gehört der Churchill Falls Labrador Corporation und dort wohnen nur Angehörige dieser Firma und deren Familien. Um das Zentralgebäude mit Schule, Sportanlagen, Supermarkt, Hotel und Restaurant gruppieren sich größere und kleinere Häuser und Wohnungen für die Angestellten. Der Arbeitgeber sorgt hier für alles. Wie kalt es hier wird, davon zeugen die Steckdosen an den Parkplätzen und die Stecker an den Autos. Heute ist es sehr windig, – 4 Grad Celsius, gefühlt aber viel kälter.

Happy Valley – Goose Bay

Nein, wir haben die Wölfe nicht gesehen. Bei dem beschriebenen Platz stand schon ein Pickup. Womöglich waren die Fahrer den Wölfen schon hinterher. Schade. Also sind wir die ausgewaschene Gravelroad weitergerumpelt. Eigentlich gibt es nichts zu sehen, als endlosen borealen Nadelwald. Das heißt Lärchen, Tannen, Fichten und Kiefern, soweit das Auge sehen kann. Da freut es schon, wenn man einen bemalten Stein sieht. Eine mit einem Platten liegengebliebene Fahrerin fragten wir, ob wir helfen können. Aber sie meinte, dass Hilfe schon unterwegs sei. Welche Freude, als 75 Kilometer vor Happy Valley Goose Bay die Straße dann auf einmal frisch geteert ist.

Und noch größer ist die Freude, einen leckeren Hamburger bei Dschungel Jim zu essen und auch noch Internet zu haben. Neben Tanken, Wasser auffüllen und Wasser ablassen stand heute auch WoMo waschen auf dem Programm. Der Dreck war immens. Während Martin mit dem Dampfstrahler hantierte, plauderte ich nett mit Bonnie, der Bürokraft. Sie, vielleicht 50 Jahre alt, stammte aus Ontario und lebte seit drei Jahren hier. Ihr Chef, Scott, bot uns an, auf seinem Firmengrundstück zu übernachten. Und dann trafen wir beim Einkaufen noch einen Ebi aus Greven, der vor 30 Jahren ausgewandert war und auf dem Bau arbeitete. Auch er berichtete wie schon einige vor ihm, dass er vorhabe mit dem Beginn des Rentenalters nach Neufundland zu ziehen. Die Lebenshaltungskosten, Grundstückspreise und die Häuser seien dort einfach billiger, mehr los sei dort auch und das Internet besser.

Was gibt es zu sehen in Happy Valley Goose Bay? Die Stadt ist ein Versorgungs- und Militärstützpunkt. Entsprechend gibt es die üblichen Geschäfte, Tankstellen und Pubs. Ein Krankenhaus und natürlich Tim Hortons. Die militärische Landebahn ist eine der längsten in Nordamerika. Hier könnte ein Spaceshuttle landen, wenn es denn noch eines gäbe. Ansonsten werden hier Tiefflüge trainiert und auch die Bundeswehr kommt zu Trainingsflügen hierher.

Aus der Abteilung Tierwelt ist zu berichten, dass wir einen Schneehasen (vierbeinig) gesehen haben.