Closed for the season

Heute Morgen bin ich todmüde aufgewacht, denn ich habe einen Teil der Nacht in der Kälte vor dem Wohnmobil zugebracht, um Nordlichter zu beobachten. Und – es hat sich gelohnt. Sternenklare Nacht, abnehmender Mond und Nordlichter überwiegend in grün. Jede dieser Lichterscheinungen, die wie an den dunklen Himmel gemalt wirken, dauerten zwischen 30 Sekunden und einer guten Minute. Das Licht bewegt sich mal am nördlichen Horizont, mal über den Kopf hinweg. Es war wirklich super.

Ansonsten war heute „End of Season“ Stimmung. Der Tag war grau und später am Nachmittag nieselte es. Wir hatten heute ca. 450 km von Whitehorse nach Watson Lake zu fahren. Das Yukon Hotel und Restaurant in Teslin auf halbem Weg erscheint, obwohl es optisch gar nicht so aussieht, wie eine Oase. Einige der Campgrounds, Parks und Museen am Wegesrand hatten ihr „Closed for the Season“ Schild schon an den Eingang genagelt. Also auf Wiedersehen Alaska, auf Wiedersehen Yukon. Beides hat uns sehr gut gefallen. Wir waren fast drei Wochen hier und haben großartige Landschaften gesehen. Die Weite und die Idee, dass nicht jede Ecke besiedelt ist, war eine Erfahrung. Wir hätten nicht gedacht, dass Alaska und Yukon so vielfältig und so ein tolles Reiseziel sind. Wir kennen nun auch das schmalblättrige Weidenröschen (Fireweed), das als Staatspflanze des Yukon auch in der Flagge erscheint und besonders gut dort wächst, wo es Waldbrände gegeben hat. Wir haben nette und kauzige, weltoffene und eher ruhige Menschen kennengelernt. Auf alle Fälle Typen. Das galt besonders für die Männer. Hier kann ein Mann noch Mann sein. Mit einem dicken Pickup, einem ATV, einem Snowmobil, einem großen Hund, mit Jagen und Fischen, Jeans, Boots und karierten Flanellhemden und weit und breit ist kein Friseur in Sicht. Die Dichte der bärtigen und eher langhaarigen und zum Teil bezopften Männer ist aus meiner Sicht eine Erwähnung wert.

 

back to Whitehorse, YT

Wir haben am Kathleen Lake, ein paar Kilometer von Haines Junction entfernt, im einzigen mit dem Auto zugänglichen Campingplatz des Kluane Nationalparks genächtigt. Außer uns waren noch drei Schweizer mit einem Zelt unterwegs, das war es.

Diese Government Campgrounds bieten meistens Natur pur und sind schön angelegt. Es ist nachts stockfinster und sehr ruhig. Es gibt keine Shops, keine Duschen, nur Outhouses und Holz, um ein Lagerfeuer zu machen. Sie kosten zwischen 8 und 15 Dollar.

Am Kathleen Lake selbst kann man Kanu fahren. Haben wir aber nicht, sondern wir wollen jetzt mal langsam nach Süden.

Also stand wieder Whitehorse auf dem Programm. Das war schnell erreicht und so konnte ich spazieren gehen und Martin unser Auto waschen. Auf meinem Weg traf ich zuerst eine Frau, die ihr Schwein Ernest (Hamingway – von Ham / Schinken) spazieren führte. Ernest lief extrem langsam und ließ sich eigentlich nur durch eine Spur aus Möhrenstückchen dazu bewegen, weiterzugehen. Er wohnt ganz normal wie ein Hund im Haus und ist ein Microschwein. Aha.

Weiter führte mich mein Bummel auf einer Promenade am Yukon entlang zu einem Farmersmarket, wo ich mir ein Glas selbstgemachte Cranberry Marmelade kaufte. Kann ich morgen erzählen, wie die schmeckt. Und dann ging es natürlich noch beim Schweizer Metzger vorbei, wo es unter anderem Buffalo Jerkey gab. Jerkey ist eine Art getrocknetes Fleisch, das in dünnen, länglichen Fladen verkauft wird und ein bisschen wie trockener Schinken schmeckt. Und da auch noch ein bisschen Kultur sein muss, schaute ich mir noch künstlerisch gestaltete Holzmasken von nativen Künstlern beim Interpretative Center an. Und zwei „Totempfähle“ (heißen die wirklich so), standen auch noch am Wegesrand.

Wir nahmen dann noch zwei Kaffee bei Tim Horton, dem kanadischen Hort der Gastlichkeit und sind nun auf einem privaten Hi Country RV Park in Whitehorse. Die Besitzer sperren am 20. September zu und dann geht es erst einmal bis Weihnachten in die Ferienwohnung Mexiko.

nach Haines JCT, YT

Vom Sourdough Campground in Tok – ja der mit dem Sauerteig von 1956 – ging es weiter nach Haines Junction. Die Sonne schien, es war ein schöner Herbsttag und nach ca. 90 Meilen hatten wir die kanadische Grenze bei Beaver Creek erreicht. Nun waren wir wieder im Yukon Rerritory und fuhren den Alaska Highway in südliche Richtung immer entlang des Kluane Nationalparks. Dieser riesige und zu großen Teilen unberührte Park bildet zusammen mit dem in Alaska angrenzenden Wrangell St. Elias Nationalpark ein besonders schützenwertes World Heritage Site der UNESCO. So gibt es außer grandioser Natur fast nichts zu sehen. Am interessantesten erschien und noch die weltgrößte Goldwaschpfanne in Burwash Landing. Kluane spricht man übrigens kluh-wai-nie aus. Aber die schneebedeckten Berge, die Gletscher, das intensive Leuchten der sich verfärbenden Birken, die Seen – das alles lässt einen nicht unberührt. Und der Kluane Lake, der größte See des Yukon leuchtete heute verführerisch blau. Im Niemandsland der Grenze zwischen Alaska und Kanada zeigten sich dann noch zwei „süße“ Elchdamen. Getroffen haben wir heute eine dreiköpfige Familie aus Frankreich, die mit einem ähnlichen Wohnmobil wie wir es haben, drei Jahre unterwegs sind. Seit über einem Jahr touren sie durch die USA und ihr neunjähriger Sohn wird von der Mutter unterrichtet. Es ist immer wieder erstaunlich, welche Biografien Reisende haben. Und dann waren da noch die zwei netten Damen aus Paris, die bei Henkel arbeiteten und von seltenen Schnellfällen in Paris berichteten.

 

Top of the World Highway

Vom Highlight des Tages gibt es keine Fotos. Davon aber später mehr. In Dawson City mussten wir unseren Kühlschrank leeren, da wir heute über die kanadisch-amerikanische Grenze nach Alaska kamen. Im Visitor Center konnte man verschlossene Lebensmittel abgeben. Das Personal begegnet einem, wie man sieht, in historisierenden Kostümen. Danach ging es mit einer Fähre über den Yukon zum Top-Of-The-World Highway. Eine Straße, die im kanadischen Teil überwiegend auf Passhöhe geführt wird und grandiose Ausblicke auf die Landschaft gibt. Gelbe junge Birken am Straßenrand lassen in der Sonne die Idee von Feuer aufkommen. Die Bergrücken sind dicht mit Tannen bewachsen. Oberhalb der Baumgrenze ein Farbenmeer von rot verfärbten Büschen, dazwischen etwas grün und gelb. Den Ausblicken werden keine Grenzen gesetzt, da es auf der ganzen Strecke kein einziges Haus gibt. Selbstverständlich Gravelroads, die hauptsächlich von Campern befahren werden, ab und zu auch von einem LKW. Und dann, mitten im Nichts, die Grenze. Zwei amerikanische Grenzbeamte tun hier Dienst, von Mai bis Mitte September. Sie wohnen in zwei Cabins nebenan. Bis zum nächsten Ort, Chicken sind es 35 Meilen, bis zum nächsten ernsthaften Ort Tok, über 100 Meilen.

In Downton Chicken haben wir Halt gemacht. Eine Ansammlung von einem Saloon, einem Café, einem Souvenirladen, einem Liquor-Store, einem Hühnerstall, einer Tanksäule und Outhouses. Punkt. Der Pie – Apfel mit Cranberries und selbst gebacken – war superlecker. Die Chefin des Anwesens Susan Wiren ist eine lebhafte interessante Frau mittleren Alters, der Downtown Chicken seit 21 Jahren gehört.

Auf unserem Weg nach Tok ging es weiter auf dem Taylor Highway. Der erste Teil bis Chicken ist eine ungepflegte Gravel Road, die sehr anstrengend zu fahren ist. Nach Chicken wird die Straße angenehmer, aber die Landschaft lullt einen ein und lässt hoffentlich nur den Beifahrer einnicken.

Im einzigen Supermarkt von Tok haben wir noch ein paar Lebensmittel gekauft, um heute auf dem Sourdough RV Park zu übernachten. Sourdough (Sauerteig) spielte hier eine Rolle in der Ernährung. Davon erzähle ich ein anderes Mal. Jetzt muss ich ins Bett. Denn nachdem wir gegessen hatten, schlenderten wir zu einem Willy-Nelson-Double, der hier auf dem Campground Country-Mucke zum Besten gab und das nicht mal schlecht. Der Künstler mag die 70 schon erreicht haben, aber er erreichte auch sein Publikum. Inklusive Karaoke Singen mit allen: „On the Road again“ und ich traue es mir kaum zu erzählen: wir standen mit auf der winzigen Freiluft-Bühne und es war großartig.

 

 

Dawson City

Moose Creek haben wir heute als eine der letzten verlassen. Es gab Sonnenschein, aber es war auch recht kühl, 10 Grad Celsius. Der Klondike Highway, den wir seit gestern befahren, ist weitgehend geteert, aber es gibt auch geschotterte Abschnitte. Man fährt die ganze Zeit mehr oder weniger entlang des Flusses Yukon.

Vor Dawson City bogen wir ab zum Midnight Dome, von wo aus man einen tollen Ausblick hat auf das Klondike Valley, den Yukon River und Dawson City. Dort trafen wir unter anderem ein Gruppe Deutscher, die in 12 Tagen mit dem Kanu von Whitehorse nach Dawson City gefahren waren und von ihrem Abenteuer berichteten.

Die Stadt Dawson City ist mehr oder weniger auf den Goldrausch des Klondike begründet. Den ersten Goldfund gab es am 17.8.1896. Um die Jahrhundertwende lebten mehr als 30.000 Menschen hier, die auf den schnellen Reichtum durch Gold hofften. Die meisten aber kamen zu spät, als die Claims (jeder war 152 m breit) schon längst abgesteckt waren. Aber bald verkauften die Claimbesitzer nach und nach an große Gesellschaften, welche in den Bächen große Schaufelradbagger einsetzten. Die hinterlassenen Kies-Abraumhügel am Ortseingang von Dawson City erinnern noch heute an die Tage des Schaufelbaggerbetriebes. Insgesamt soll Gold im Wert von mehr als 500 Millionen Dollar gefördert worden sein. Es gibt immer noch ein paar kleine Minenbetriebe und ein paar „Einsiedler“ glauben immer noch die „Mother Lode“, die ganz große Goldader zu finden.

Aber Dawson City hat sich inzwischen ganz anders positioniert. Die Straßen sind nicht asphaltiert, es gibt Holzhäuser mit Boardwalks, einen Saloon, eine Gambling Hall, Häuser, die eher Museen gleichen und „modernen“ Hotels im Stil der alten Zeit. Wenn man also mit dem Pferd kommen möchte, kein Ding, man findet einen Platz, um es festzubinden. Das ganze hat einen leicht verblichenen Charme und lockt auch Menschen mit interessanten Lebensgeschichten an. So trafen wir in einem Souvenierladen eine bemerkenswerte Frau mittleren Alters, mit schwerem Akzent, die aus aus Ostdeutschland stammt. Sie lebt im Sommer hier und im Winter, wenn hier der Hund begraben ist, fährt sie nach Indien, ihrer zweiten Heimat. Darauf ein Yukon, das wir in einer netten Kneipe, dem Bombay Peggy´s zu uns genommen haben. Prost.

Tiermäßig gab es heute einen Schwarzbären und jede Menge Krähen, die Nationaltiere Yukons.

Klondike Highway, Yukon

In Whitehorse regnete es, aber wir hatten noch eine Mission: Yukon Meat & Sausage. Eine Vorzeigemetzgerei wie in Good Old Germany. Ja und die Sandwiches auf Brot der Schweizer Bäckerei, sie waren ein Offenbarung auf dem regnerischen Klondike Highway.

Und da wir es nicht eilig hatten, suchten wir nach keinem handfesten Grund, um 9 km weit für eine Tasse Kaffee abseits des Highway zu fahren. Bean North Coffee Roasting Company LTD ist ein Rösterei und ein Café im leicht alternativen Stil. Dies mal wieder als Tipp für den nächsten Sonntag Nachmittag. Was uns dort auch gut gefallen hat, ist die in einen Baum integrierte Bibliothek für unterwegs, in die man gelesene Exemplare einstellen und gegen andere austauschen kann.

Und dann kam erst mal 200 km nichts. Straße, Schotterstraße, Bäume, Hügel, Seen, Flüsse, Brücken und keine Häuser. Also das Normale im Norden von Kanada.

Die einzige nennenswerte Abwechslung war die Five Finger Recreation Site. Von der Straße führt ein steiler Pfad über Treppen nach unten an die an dieser Stelle beachtlichen Stromschnellen des Yukon, die den Kapitänen früherer Zeit einige Probleme bereitet hatten. Heute gibt es Touren mit dem Kanu von Whitehorse nach Dawson City auf dem Yukon (die Entfernung auf dem Highway beträgt ca. 550 km). Leider kamen heute keine Kanus vorbei. Zu nass, zu kalt, 10 Grad Celsius.

Wir stehen heute auf einem Government Campground „Mouse Creek“ für 12 Dollar. Dafür bietet er Feuerholz so viel man möchte und komfortable Outhouses. Und die Hälfte der Gäste des Sonntag-Condor-Fliegers von Frankfurt nach Whitehorse. Also alles in allem ganz gemütlich.

Tiermäßig gab es heute ein Reh, einen Fuchs und ein Arktisches Erdhörnchen.

 

Whitehorse, Yukon

Whitehorse liegt nur einen Flug von Frankfurt entfernt. Condor fliegt direkt von Frankfurt hierher. Also alle Abenteurer, Goldsucher, Outdoor Freaks, Jäger, Angler und Kanufahrer: die Wildnis liegt ca. 1.000 Euro entfernt. Zur Einstimmung noch einmal in die verstaubten Abteilungen des Bücherregals greifen und Jack London „Ruf der Wildnis“ oder „Wolfsblut“ ausgraben. Denn der gute Jack kannte schon Anfang des 19. Jahrhunderts die Verhältnisse im Yukon.

Heute haben wir mal einen Erholungstag eingelegt und den haben wir mit einem Bummel durch Whitehorse gefüllt. Es gibt Outfitter für alle Arten von Outdoor-Aktivitäten, First-Nations Galerien, Cafés, Bühnenshows mit Can-Can Tänzerinnen im Stile der Zeiten des Goldrauschs, den auf dem trockenen liegenden Schaufelraddampfer Klondike und einen schönen Spazierweg entlang des Flusses Yukon.

Das Interessanteste fand ich heute die „Salmon Ladder“. Eine Einrichtung, die es dem Lachs erlaubt, zum Laichen dorthin zurückzukehren, wo er geboren ist. Da dieser Weg in Whitehorse von einem Wasserkraftwerk versperrt wäre, können die zum Teil beachtlich großen Lachse die Fischleiter am Kraftwerk vorbei nutzen, um gegen die Strömung „nach Hause zu gelangen“.