Angel’s Share

Heute haben Martins Schwester Susanne und unser Nachbar Andreas Geburtstag. Beiden gratulieren wir aus Chattanooga ganz herzlich. „Pardon me, boys, is that the Chattanooga Choo Choo?“ von Glenn Miller kannte während des zweiten Weltkrieges jeder GI. Udo Lindenberg adaptierte diesen Song 1983 mit „Letzter Zug nach Pankow“. Also, wir gratulieren mit dem Chattanooga Choo Choo.
Diese Nacht haben wir wirklich schlecht geschlafen. Obwohl der Abend gestern in Nashville wunderbar war und, ich hatte ganz vergessen es zu erwähnen, wir natürlich auch Jonny Cash in seinem Museum besucht hatten. Aber mitten in der Nacht wurden wir wach, weil sich neben uns ein Amerikaner mit schlechter Kinderstube platziert hatte und zu faul war, sein Stromkabel auszupacken, um Landstrom zu ziehen. Stattdessen warf er seinen laut rumpelnden Generator an. Ich kann hier versichern, dass mir die schlimmsten Beschimpfungen durch den Kopf gingen. Und dann, gerade wieder eingenickt, wurden wir durch ein lautes Gewitter, begleitet von Hagel und Starkregen wieder geweckt. Also heute morgen ging es erst einmal langsam los.

Wir wollten aufs Land, genauer nach Lynchburg in Tennessee, zur Destillerie von Jack Daniels. Ich glaube jeder hat so sein Bild über diesen Ort im Kopf, transportiert von der Werbung. Und ja, genauso sieht es hier aus. Von Nashville aus fährt man ein Stück über die 65 nach Süden und dann geht es aufs Land, das hier aussieht wie aus dem Bilderbuch. Schicke und gepflegte Landhäuser, getrimmte Rasenflächen, von weißen Zäunen umgebene Pferdekoppeln, ein bisschen Wald, blühende Hecken, Flecken mit Osterglocken, eine sanft hügelige Landschaft. Wie schön. Und dann steht man in Lynchburg. Dieser kleine Ort lebt von Jack Daniels. Man kann Führungen durch die Destille buchen, entweder mit anschließender Verkostung oder dry. Aus Zeitgründen und weil wir noch nüchtern weiter wollten, haben wir uns für die letzte Variante entschieden. Und keine Angst, wir haben uns, nachdem wir alles über die Whiskyproduktion und den Firmengründer erfahren haben, noch mit zwei Fläschchen und Gläsern eingedeckt. Und während der Führung hatte man auch die Gelegenheit, wenigstens den Angel’s Share zu erschnuppern. Nicht schlecht. Im Ort selbst gibt es noch einen Dorfplatz, wo es zum einen deftiges Pulled Pork für whiskybenebelte Tester zu essen gibt und zum anderen alle Art von Souvenirs, die mit der Destillerie zu tun haben. Besonders bemerkenswert ist, dass das County, in dem die Destille liegt, ein Dry-County ist, in dem man eigentlich keinen Alkohol kaufen und trinken darf. Es gibt hier keine Liquor-Stores, wie sonst überall in den USA. Für Jack Daniels aber als größten Arbeitgeber vor Ort, hat man wohl eine Lösung gefunden.
Bei schönstem Wetter und 22 Grad Celsius haben wir uns dann auf den Weg nach Chattanooga gemacht. Wir stehen hier auf einem Campground, der einst ein Civil War Schlachtfeld war. Entsprechend sind die Wege, die, weil wir inzwischen 2018 haben, nicht nur nach Südstaaten-Generälen, sondern auch nach den Generälen der teilnehmenden Nordstaaten benannt sind. Das ist hier im Süden, an der Grenze zu Georgia für Europäer immer noch erstaunlich, aber die Südstaaten-Herzlichkeit am Empfang erfreut immer wieder.
Hier beginnt der Frühling mit Macht, was wir an den laut rufenden Fröschen um uns herum festmachen. Ein lustiges Geräusch und die Jungs sind ausdauernd.

Nashville

Die Fahrt von Memphis nach Nashville verlief geräuschlos, ohne jede Besonderheit. In einem kleinen Ort namens Wildersville hielten wir mangels Alternativen bei einem McDonalds. Die haben auch Cappuccino und Internet. Also alles gut.
Der Campground in Nashville bot einen Shuttleservice nach downtown an. Für 10 Dollar retour pro Person waren wir dabei. Der Bereich rund um Broadway, 2nd Avenue bis 5th Avenue ist eine einzige Partyzone. Aus jeder Kneipe, aus jedem Club tönt Lifemusik. Dazwischen gibt es einige Geschäfte für Cowboyboots und Cowboyhüte. Auf fast jedem Dach befindet sich eine Rooftop-Bar. Alle ist voller Menschen. In einem der Bootsgeschäfte erzählte uns ein Verkäufer, dass es im Sommer so voll sei, dass man sich nur noch in Massen den Broadway entlang schiebt. Dann sei man hier sieben Tage die Woche busy.
Wir entschieden uns schließlich für einen Laden namens Cerveza Jack’s. Hier spielte eine C&W Sängerin namens Hallie Long in Begleitung ihres zweiten Gitarristen. Nicht schlecht. Offenbar werden die meisten Musiker in den Kneipen nicht bezahlt, sondern leben von dem Geld, dass Besucher in einen bereit gestellten Eimer werfen. Ganz schön hart, bis man so in die Charts kommt. Uns aber hat es gut gefallen.

Memphis

Es war sonnig, ein schöner Vorfrühlingstag, als wir uns heute in Little Rock auf den Weg machten. Auf Wiedersehen Herr Clinton, es war schön in der Stadt Ihres frühen Wirkens. Die I-40 führte uns weiter ostwärts und es gab keine nennenswerten Orte und damit auch keinen Cappuccino. Links und rechts der Fahrbahn blühten viele Bäume in rosa, weiß und gelb. Und viele Felder, die an Flüssen lagen, waren überschwemmt.
In dem Ort mit dem schönen Namen Forrest City bogen wir von der Interstate ab, zum einen tat sich ein Stau vor uns auf und zum anderen hatten wir Hunger. Also fuhren wir in den Village Creek State Park. Ein Waldpark an zwei Seen. Groß und wie immer wunderschön. Die Stateparks bieten Erholung für Tagesgäste und viele haben auch Campgrounds zum Übernachten. Wir machten inmitten eines noch kahlen Waldes Mittag, ruhten uns ein wenig aus, machten einen kleinen Spaziergang und weiter ging es.
Unser Tagesziel war Memphis. Genauer gesagt, das Peabody Hotel. Ein Grandhotel, das die Gastlichkeit des Südens vermittelt. Schon über 100 Jahre alt, groß und nett. In der beeindruckenden Lobby des Hotels gibt es wie in vielen anderen großen Hotels, eine Bar und einige Sitzgruppen um eine Springbrunnen arrangiert. In der Ecke steht ein Flügel, der automatisch spielt, die Tasten bewegen sich und es erklingt typisches Bargeklimper. Das besondere aber ist hier, dass in dem Springbrunnen ein paar Enten schwimmen. Ganz normale Enten, wie sie zuhauf in Stadtparkseen leben. Diese Enten werden abends um 17.00 Uhr mit einer kleine Zeremonie über eine rote Treppe und einen roten Teppich zum Aufzug geleitet. Auf dem Dach des Hotels haben sie ihren Feierabendteich. Und morgens um 11.00 Uhr werden sie wieder in die Lobby geleitet. Ein wie ein Zirkusdirektor rot gekleideter Enten-Trainer kommentiert das Spektakel. Und die Lobby ist voll. Auch vom umlaufenden Balkon im ersten Stock beobachten sehr viele Gäste, was sich vor dem Aufzug abspielt. Schräg. Kann man übrigens bei YouTube anschauen. Stichwort Ducks and Peabody.
Danach sind wir zur Beale Street geschlendert. Das ist ein Ausgehviertel mit einer Jahrhundertwendearchitektur, wo unter anderem B.B King gewirkt hat. Die Straße ist voller Bars, Musikkneipen und Restaurants. Aus jedem Hinterhof klingt Blues von kleinen Bühnen. Eine Institution ist der A.Schwab Dry Goods Store, der hier seit 1876 besteht. Hier gibt es alles zu kaufen, was man nicht braucht. Die Einrichtung ist alt und vom T-Shirt, über Marmeladen, Süßigkeiten, Schallplatten, Elvis-Schlafanzügen (sehr schick) und Handtüchern gibt es hier alles zu kaufen. Besonders ist aber auch die alte Soda-Bar, an der man Eis und Limo erstehen kann. In der Beale Street kann man sicher einen netten Abend verbringen.
Wir aber sind weiter zum Graceland-Campground. Ja, richtig, Graceland, der Ort, an dem einst Elvis wohnte. Das ist nun ein nach allen Regeln des Marketing zu Geld gemachter Platz. An den Campground angrenzend gibt es das Elvis Center. In den Ikea-Farben blau und gelb gehalten empfängt es den Besucher mit einem freundlichen „Welcome to Graceland“. Alles blitzt, der Beton der Zufahrt erinnert in seiner Nüchternheit ebenfalls sehr an Ikea. Es gibt mehrere Restaurants, eine Ausstellung, den Souvenirshop, das Wohnhaus Graceland Mansion, das Hotel „The Guest House at Graceland und die Flugzeuge von Elvis. Alles kostet extra. Es scheint aber trotzdem bei den Fans nachgefragt zu werden, denn die teuerste Eintrittskarte für alles mit „Elvis-Historiker“ kostet 169 Dollar, die billigste 59 Dollar. Dazu kommt dann natürlich noch die Übernachtung. Wir fragen uns, wie lange man in Zukunft an der Marke Elvis verdienen kann. Denn seine Fans werden auch immer älter und ob so viele junge Menschen Elvis und Graceland toll finden?

Little Rock

Während ich unseren Blog-Beitrag schreibe und Martin die Fotos bearbeitet, sitzen wir jeder bei einem Glas Whisky zur Verdauung. Wir sind in Little Rock in Arkansas und konnten feststellen, dass wir wieder im Süden der USA angelangt sind. Das gilt vor allem küchentechnisch. Wir haben uns heute Abend für Gus`s World Famous Fried Chicken in der President Clinton Avenue entschieden. Sehr lecker, mit Fried Okra, Fries, Cole Slaw und refried Beans. OBERLECKER. Aber auch voller Fett. Alle an der Verdauung beteiligten Organe sind in Bereitschaft.
Noch selten waren wir so froh, dass wir bis zum Campground noch einen kleinen Spaziergang zu bewältigen hatten. Little Rock, die Hauptstadt von Arkansas, lebt natürlich von ihrem berühmtesten Sohn, dem Ex-Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Bill Clinton. Es gibt das William J. Clinton Presidential Center and Park, die William E. „Bill“ Clark Presidential Park Wetlands, die Clinton Presidential Park Bridge, die University of Arkansas Clinton School of Public Services und natürlich die President Clinton Avenue. Seine Frau Hillary kommt nur einmal vor im „Bill and Hillary Clinton National Airport“. Aber immerhin.
Little Rock ist nicht so groß und der touristisch interessante Bereich zwischen den beiden Fußgängerbrücken Clinton Presidential Park Bridge und Junction Bridge ist überschaubar und gut zu erlaufen. Es gibt auf der President Clinton Avenue jede Menge Restaurants. Und auch das Ufer des Arkansas River ist sehr schön in die Stadt integriert mit Laufstrecken und Parks mit vielen Sitzgelegenheiten. Am Abend hat man einen schönen Blick auf die beiden oben genannten illuminierten Fußgängerbrücken. Jetzt ist es ja noch früh im Jahr, aber wir können uns gut vorstellen, dass es hier im Sommer ein schönes Treiben gibt.
Die President Clinton Avenue läuft an ihrem östlichen Ende direkt auf das William J. Clinton Presidential Center zu. Ein moderner Bau mit viel Sichtbeton und Glas, der eine Bibliothek beheimatet, die Akten und Notizen aus Clintons Amtszeit beheimatet, so sie nicht einer Sperrfrist unterliegen. Jedem Präsidenten wurde bisher die Ehre zuteil, dass es meist in seiner Heimatstadt ein Presidential Center gibt. Wir sind schon sehr darauf gespannt, wie der Palazzo Prozzo des amtierenden Blondschopfs eines Tages aussehen wird. Dann wird es wohl zum ersten Mal in der Geschichte eine Twitter-Abteilung geben.
Wir stehen nun in North Little Rock, auf der downtown gegenüberliegenden Uferseite des Arkansas River und schauen auf die beleuchtete Clinton Pedestrian Bridge. Very Nice.

Cattlemen’s Steakhouse

Vom wunderbaren Campground Wanderlust in Oklahoma ging es heute weiter auf der I-40 gen Osten. Bis Oklahoma City ist dies ein Teil der guten alten Route 66, die ab Oklahoma City weiter nach Norden Richtung Tulsa abbiegt. Diesem Mythos des „Ultimate Road Trip“ kann man nachspüren, indem man alte Tankstellen wie Lucille`s Service Station, das Heartland of America Museum oder den Owl Blacksmith Shop besucht. Haben wir aber alles nicht gemacht. Uns zog es heute nach Stockyards City, drei Meilen außerhalb der City, wo man den alten Westen in Aktion sehen kann. Das bedeutet zunächst, dass es hier am Montag und Dienstag, jeweils am Vormittag Rinderauktionen gibt, bei denen man auch als Besucher zusehen darf. Das haben wir nicht, denn wir waren erst um die Mittagszeit hier. Aber man konnte jede Menge LKW´s und Hänger sehen, die Rinder aus dem Bereich der Versteigerungshalle abtransportierten.
Vor dem eigentlichen Business-Bereich gibt es einige Geschäfte, die Western-Kleidung verkaufen. Günstige Alltagskleidung für den Cowboy, aber auch eher Modisches und Teures für den Freizeitcowboy. Man kann Sättel kaufen, neu und gebraucht, getragene Cowboyboots und Hüte. Vor der Bank steht ein großes Denkmal für den Cowboy und das Rind. Hier passt es wirklich her, da die Gegend alles andere als schick ist, sondern eher vom Alltag der Rinderzüchter und Rinderaufkäufer bestimmt ist.
Die größte Attraktion ist aber das berühmteste Steakhaus von Oklahoma City, Cattlemen`s Steakhouse. Kein Chichi, aber busy. Bedient von Obern mit Schürzen, sitzt man an mit weißen Stoffservietten eingedeckten Vierertischen. Um uns herum saßen alle diejenigen, die vom Land kommend heute ihre Ware hoffentlich gewinnbringend verkauft haben, weniger Geschäftsleute aus der City. Erstaunlich viele mit ihren Frauen. Es gab Steaks und Burger in allen Variationen, was sonst, wenn die Rinderauktionshalle um die Ecke liegt. Und es war wirklich sehr, sehr lecker.

So gestärkt ging es zurück auf die I-40. Wir fuhren durch eine leicht hügelige Landschaft, die stark an zu Hause erinnerte. Eichenwälder links und rechts, noch ohne Blätter. Vorfrühling. Als wir von der Interstate abfuhren, sahen wir vor den Häusern Flecken mit Osterglocken. Es war 15 Grad Celsius heute. Wir stehen heute Nacht in einem Oklahoa-Statepark am Lake Eufaula. Diese Parks liegen, wie schon mehrmals beschrieben an schönen Orten und man hat richtig Platz. Wir stehen heute Nacht im Wald mit direktem Seeblick. Es war leider windig, darum konnten wir kein Lagerfeuer machen. Vielleicht morgen.

Auf nach “Pampa”

Texas ist etwa so groß wie die Bundesrepublik Deutschland. Das haben wir heute wieder erfahren. Von Dalhart ging es über Dumas nach Borger. Dort gab es Cappuccinos und Sandwiches in der Coffee Ranch. Immer wieder freuen wir uns, wenn wir in diesen Orten, wo man nur noch den Tiefschlaf erwartet, plötzlich einen freundlichen und zeitgemäßen Platz finden, wo man gerne verweilen möchte. Die Coffee Ranch ist wie viele Cafés auch in europäischen Städten im rustikalen Fabrik Style eingerichtet, also grob gehobelte Theke, schicke Kaffeeautomaten und handgeschriebene Speisekarte auf einer Tafel hinter der Theke.
Pause haben wir auch wirklich gebraucht. Wie so oft, sieht man im Nichts am meisten. Das bedeutet für diesen Landstrich, der sich Panhandle von Texas nennt, zunächst viel Landwirtschaft. Entweder braune Weiden, wo mal vereinzelt, mal aber auch in bedenklicher Enge und Anzahl Rinder gehalten werden. Dann gibt es kreisrund bewässerte Felder, auf denen vor allem Baumwolle und Getreide angebaut wird. Große Bewässerungsmaschinen fahren um eine festen Punkt, an dem Wasser aufgenommen wird, im Kreis herum und lassen auf dem ansonsten staubtrockenen Boden, Planzen wachsen. Wenn schon an der elektronischen Werbetafel einer Tanke steht „We pray for rain“, schein es nicht allzu viel Wasser zu geben. Vor allem bei der Baumwolle wundert uns das, da diese viel Wasser zum Wachsen braucht. Auf den Feldern stehen zum Teil noch die Ballen der letzten Ernte. Vielleicht wartet man auf den besten Preis?
Dann gibt es die Landschaftsvariante J.R. Ewing aus Dallas. Das bedeutet trockene Prärie durchbrochen von vielen Ölpumpen, die ohne Unterlass das schwarze Gold aus dem Boden holen. Dieses Öl wird dann zu Zwischenlagern gepumpt, die nicht immer sehr vertrauenserweckend aussehen. In Dalhart gab es eine große Raffinerie und viele Ausrüstungsunternehmen für die Ölindustrie. Für diese, wie für die Eisenbahn arbeiten viele Männer, die nur Verträge für ein Projekt haben. Die wohnen dann auf den Campgrounds in ihren Trailern. Moderne Wanderarbeiter eben.
Dann sieht man wieder die Windräder der Wasserpumpen, bekannt aus jedem Western. Fehlen nur noch die Bisons und jawohl, zwei kleine Herden haben wir auch gesehen. Alles das, was ich oben beschrieben habe, muss man sich in irrsinnig großen Dimensionen vorstellen. Es kam uns vor, als seien wir heute schon ewig unterwegs, als wir nach Pampa kamen. Ja, so ist es hier, wie in der Pampa. Über Wheeler ging es weiter nach Shamrock auf die I-70 nach Osten. Hier passierten wir die Grenze zu Oklahoma. Wir deckten uns mit Infomaterial ein und dann ging es weiter nach Weatherford, wer kennt es nicht? Uns lockte der Name des RV-Parks: „Wanderlust Crossing“. Dieser wurde erst letztes Jahr von einem jungen Paar eröffnet. Wanderlust ist ein Wort wir Kindergarten oder German Angst, das in das amerikanische Englisch eingewandert ist. Schön nicht?
Wie meint Steven Pinker, ein amerikanischer Philosoph: „Eine perfekte Welt werden wir niemals haben. Aber es gibt keine Grenzen dafür, diese Welt zu verbessern.“ Für uns waren die Weltverbesserer heute die Wirtin der Coffee Ranch in Borger und der Camphost in Weatherford. Auch wenn ihre direkte Umgebung nicht die schönste ist, sie machen sie ein bisschen hübscher und angenehmer.

Colorado, New Mexico und Texas an einem Tag

Wieder ein Fahrtag. Das Land ist einfach riesig groß. Aber zuerst haben wir ein wenig mit Oma Stockheim telefoniert, um zu erfahren, was es Neues gibt. Dabei stellten wir fest, dass in Colorado heute Nacht die Uhren auf Sommerzeit um eine Stunde vorgestellt wurden. Und dann ging es auf die Straße. Der erste Teil der I-25 über Waisenburg bis nach Trinidad war wirklich scenic. Die Straße gewann in weiten Kurven wieder an Höhe. Es machte richtig Spaß. In Trinidad, was für ein Name, gab es den ersten Cappuccino für heute. Die Stadt ist wie viele im Westen von rührender Gestrigkeit. Man versucht den historischen Stadtkern zu revitalisieren und in die alten Geschäftslokale ziehen Boutiquen, Cafés und Restaurants ein. Hier gab es noch einen Shop, namens Strawberry Fields mitten in der Mainstreet. So einen hatte ich schon mal neben einer Tanke an der Autobahn gesehen. Ich hielt ihn in seinem rosa Outfit für einen Sex-Shop. Aber heute klärte sich auf, dass hier Cannabis verkauft wird. Offiziell heißt dieser Laden „Strawberry Fields Medical Dispensary“. Gegenüber befand sich der örtliche Liquor Store. So war für jeden gesorgt. In den USA ist die „freie“ Verfügbarkeit von Cannabis von Staat zu Staat anders geregelt. In Texas, wo wir heute auch waren, gibt es keine Shops, hier bietet ein Anwalt seine Dienste an, wenn man Probleme mit dem Cannabis Konsum hat.
Wir kamen heute durch drei Staaten: Colorado, New Mexico und Texas. Denn nach Trinidad überquerten wir den Raton-Pass und bogen in Raton dann ab auf die 64 zum Capulin Volcano National Monument. Nach dem Pass weitet sich die Landschaft wieder zu einer gewaltigen Hochebene. Nur wird der Blick nicht mehr durch Bergketten links und rechts der Autobahn gehalten. Hier geht der Blick bis zur Erdkrümmung. Nur ab und an gibt es sanfte Erhebungen, die von vulkanischer Vergangenheit zeugen. Die höchste Erhebung ist der Capulin Vulkan. Und den kann man natürlich erlaufen, aber auch ganz amerikanisch erfahren. Am Visitor Center am Fuß des Vulkans muss man sich anmelden und dann darf man, wenn oben am Kraterrand Parkplätze frei sind, hinauffahren. Die Straße führt steil hoch, ist am Abgrund nicht gesichert und man hat einen fantastischen Blick über die Hochebene. Kurz unter dem Kraterrand führt ein Spazierweg eine Meile am Kraterrand entlang, man kann aber auch in den Krater einsteigen. Das ist schon eine tolle Sache, aber der freie Blick auf das ringsum flache Land und den dramatischen Himmel, das hat uns schon gefallen. Nach einer Brotzeit im WoMo ging es dann steil wieder nach unten und weiter über die 64 und 87 bis nach Dalhart. Diese 100 Meilen sind wirklich zum Gähnen langweilig. Flach, flach, flach. Geben tut es nichts, außer Rinder, Weiden, Rinderweiden, die Eisenbahn, Getreidespeicher, groß wie Kathedralen, wirklich abgewirtschaftete kleine Ortschaften und dort, wo es Wasser gibt, riesige Getreidefelder.
Wir stehen jetzt in Dalhart, Texas. Hier erwartet man ja eigentlich nichts. Um so überraschter waren wir, dass das Büro des Campgrounds in ein riesiges und aufwändig eingerichtetes Wohnzimmer integriert war, wo im Hintergrund auf einem Monster-Bildschirm eine Show mit Oprah Winfrey lief. Bedient wurden wir von einer echten Texas Lady, der Großmutter des Besitzers, freundlich, aber bestimmt.

Reingefallen

Manchmal fällt man einfach auf Werbung rein. So erging es uns heute mit der Royal Gorge Bridge in Cañon City, Colorado (royalgorgebridge.com).Diese liegt ca. 50 Meilen westlich von Pueblo und der Web-Auftritt verspricht ein kleines Abenteuer, wenn man bereit ist, 23 Dollar pro Person Eintritt zu zahlen, um auf einer der längsten Hängebrücken der Welt über einen Canyon zu spazieren. Wir hätten gezahlt, aber, ganz im Ernst, die Veranstaltung war keine 23 Dollar wert. Bitte liebe Amerikaner und Leser dieses Blogs, wir legen Euch ganz dringend die Geierlay-Hängebrücke im Hunsrück ans Herz (geierlay.de). Kostet nichts und ist mindestens so aufregend. Allerdings, ziemlich unamerikanisch, muss man im Hunsrück ein ganzes Stück laufen, bis man über die Brücke kommt. Dafür läuft man an besten Gasthäusern mit leckerem Essen und kühlem Bier vorbei. In Cañon City hingegen fährt man bis kurz vors Kassenhäuschen. Und wer dann immer noch nicht laufen mag, der wird über die Brücke gefahren. Und im Café gibt es amerikanisches Einerlei.
Damit die Fahrt nicht ganz umsonst war, haben wir ein paar Fotos gemacht und interessiert beobachtet, wie über der gegenüberliegenden Seite des Canyons Wagemutige auf einer Art Riesenschaukel hochgezogen wurden, um dann im Ausschlag der Schaukel aus der Luft einen Blick über den Abgrund des Canyons werfen zu können. Cool, nicht?
Der Weg von Pueblo nach Cañon City hat uns aber gut gefallen. Man blickt über die Weite der Prärie und kann sich gut vorstellen, wie vor langer Zeit große Bisonherden hier heimisch waren. Jetzt sind es viele Ranches, auf die man schaut. Und man kommt, sehr interessant, an einer großen Correctional Faciliy vorbei. Nein, nicht Prison (Gefängnis), denn hier sollen ja die Delinquenten zu einem besseren Menschen erzogen werden. Das deutsche Wort Justizvollzugsanstalt ist da aber auch nicht viel besser. Wir haben auf unserer Reise durch die amerikanische Provinz viele dieser Einrichtungen gesehen und oft wird am Highway davor gewarnt, in diesen Regionen Anhalter mitzunehmen.
Nachdem wir noch unseren Wochenendeinkauf bei Albertson`s gemacht haben (hier gibt es nämlich Monopoly-Marken), fuhren wir an einigen verwaisten Stahlunternehmen vorbei. Sah ein bisschen aus wie im Ruhrgebiet. Alte Industriebrachen der Stahlindustrie. Aber das soll ja wieder werden….
Wir stehen wir nun im Süden von Pueblo auf einem Platz, der einen sehr schönen Blick auf die Weite der Plains erlaubt. Ich bin mir sicher, dass ich von hier das Lagerfeuer vom „Duke“ erkennen würde.
Am Empfang des Campgrounds wurde uns heute ein Freiexemplar der hiesigen Regionalzeitung „The Pueblo Chieftain“ (Der Häuptling von Pueblo) geschenkt. Diese Zeitung gibt es seit 149 Jahren und auf dem Titelblatt stand, dass Albertson`s in Pueblo im April dicht macht und die NRA (National Rifle Association) gegen das neue floridianische Gesetz, das Waffenbesitz erst ab 21 möglich machen soll, vorgehen wird. Was diese Zeitung aber von der Kronacher Presse, dem Hamburger Abendblatt oder dem Mannheimer Morgen unterscheidet, war die Doppelseite mit der Überschrift „Life: Faith and Religion“. Hier bieten viele Kirchen ihre Dienste an und man hätte am Sonntag die Qual der Wahl. Es ist für uns immer wieder erstaunlich zu sehen, welchen Stellenwert kirchliche Einrichtungen in diesem großen Land haben.

Pueblo

In Cheyenne war es heute morgen ganz schön windig. Die Sonne schien, als wir zu unserem ersten Ziel aufbrachen, dem Westernstore „The Wrangler“ in Downton Cheyenne. Ein in dunklem Rot gestrichenes Jahrhundertwendehaus, deren Kontouren weiß eingefasst waren, beherbergt ein bemerkenswertes Geschäft für Boots, Jeans and Cowboyhats. Hier statteten wir uns im pferdefreien Wyoming-Stil aus. Martin bekam ein Paar Jeans, ich ein Paar Boots, Jeans und eine Westernbluse (hamburg-geeignet). Danach spazierten wir noch ein wenig durch den angehübschten historischen Teil der Stadt. Besonders lustig fanden wir die überdimensionierten und von lokalen Künstlern gestalteten Cowboy-Boots. Nach einem Cappuccino ging es dann los nach Pueblo in Colorado.

Die I-25 war ziemlich befahren, Infotafeln wiesen auf den zu erwarteten starken Wochenendverkehr hin. Außerdem war es sehr windig und böig. Der Wind kam von den Bergen, denn wir fuhren eine ganze Zeit in einiger Entfernung an den Rocky Mountains entlang. Durch Denver und dann nach Pueblo.
Hier waren wir heute Abend bei Florian, Jeanette und ihrem Sohn Moritz eingeladen. Martin kennt Florian aus seiner Zeit in Graz und die beiden sind zusammen mit ihrem Sohn nun vor kurzem für drei Jahre nach Pueblo gezogen.
Es war ein sehr lustiger und unterhaltsamer Abend und es war überaus interessant, zu erfahren, wie es sich als Europäer in den USA so lebt. Wie man ein Haus findet, wie die Schule hier organisiert ist, dass man einen amerikanischen Führerschein machen muss, um ein Auto kaufen zu können oder dass man ohne Social Security Number kein Bankkonto eröffnen kann. Das Abendessen war ein Genuss, denn es war ganz und gar an Grazer Standards orientiert. Danke dafür. Wir wünschen allen Dreien von Herzen, dass die Zeit in Pueblo eine schöne und spannende Episode wird.
Vom Campground in die Stadt und zurück sind wir mit Uber gefahren. Auf dem Rückweg fuhr uns eine Frau, die zur Unterhaltung und zum Schutz von ihrer Mutter begleitet wurde. Auf die Frage, ob sie Vollzeit für Uber führe, meinte sie nein, dies sei ihr Dritt-Job, den sie brauche, um ihren 19jährigen Zwillingen einen Collegebesuch zu ermöglichen. Es gibt sie einfach, die großartigen Mütter und Großmütter.

Wir reiten nach Laramie

Weltfrauentag!!! Beste Grüße an alle fleißigen, intelligenten, gelassenen, lustigen und netten Frauen, die uns auf dieser Reise im Blog begleiten.

Von Rock Springs ging es heute weiter nach Osten. Im Landesinneren, wir befinden uns ja nun in Wyoming gibt es nichts, was sofort ins Auge springt. Aber toll finden wir den weiten Himmel, die Prärie, das unglaublich helle Licht. Die I-80 verlief wie gestern entlang einer Bahnschiene. Kurz hinter Rock Springs gab es einen Tageabbau von irgendetwas, wahrscheinlich Erze, denn die braucht Herr Trump ja nun, um seinen eigenen Stahl zu kochen und seinen Wählern die versprochenen Arbeitsplätze in der Schwerindustrie zurückzubringen. Die Ausrüster haben sich schon mal darauf eingestellt und auf einem Werbeplakat von Caterpillar stand: „We proudly serve Miners“. Hinter dem Plakat allerdings war ein eher einfache und schäbige Mobilhome und RV-Siedlung der Miner zu sehen.

In all diesen Kleinstädten entlang der I-80 spielt die Eisenbahn, die Güter quer durch den Kontinent befördert, zum prägenden Stadtbild. Rawlings Hauptattraktion ist ein Gefängnis aus der Zeit des Wilden Westens, das man dann und wann auch von Innen besichtigen kann. Heute leider nicht. Da die meisten amerikanischen Städte und Gemeinden zersiedelt sind und dem Prinzip der Suburbs folgen, sind die Innenstädte auch kleinerer Städte meist verlassen. Das scheint sich aber zwischenzeitlich zu ändern. Wir haben viele Beispiele gesehen, wo man sich bemüht, ein Historic Center zu revitalisieren. Oft nur für touristische Belange mit entsprechendem Angebot, manchmal gelingt es aber auch, Alltagsleben zurück in das Zentrum zu holen. Auch in Rawlings ist man dabei, das ehemalige Zentrum wieder attraktiv zu machen. Geschäfte in alten Gebäuden werden renoviert, Bänke und Hinweisschilder aufgestellt. Unser Lunch bei Buck´s Sport Grill war lecker, die Bedienung von herzlicher Freundlichkeit. Buck´s selbst war bemerkenswert rustikal dekoriert mit vielen Bildern, einigen Bildschirmen und einem scheinbar durch die Wand laufenden Reh. Auch auf der Damentoilette lief ein Fernseher. Eine nette Unterhaltung gab es auch noch mit einem Paar, das für die Army eine zeitlang in Kaltenkirchen beschäftigt war. Wir aber ritten weiter bis nach Laramie.
Hinter Rawlings geht es noch einmal höher hinauf, bis auf 2.600 Meter. Auch hier bewegt man sich auf einer Hochebene, manchmal sieht man Rinder, manchmal Pferde. Es wurde ganz schön windig, Warnungen vor Gusts (Windböen) wurden mehrmals angezeigt. Viele Verbauungen zeugen davon, dass der Wind den Schnee verweht, was man durch Zäune zu verhindern versucht. Die Landschaft ist so offen und ohne Bäume, dass der Wind ungehindert über die Plains streicht. John Wayne hat an manchen Tagen gewaltig gefroren.
Laramie ist eine Universitätsstadt. Hier ist die University of Wyoming (UW) beheimatet. Es gibt hier ca 32.000 Einwohner, ein geschäftiges Historisches Zentrum und rund um die Uni viele Neubauten. Schöner als gedacht, aber auch nicht der Nabel der Welt.
Wir sind heute Nacht in Cheyenne, der Hauptstadt und der größten Stadt von Wyoming, 60.000 Einwohner. Wichtig ist hier im Juli das größte Rodeo Fest des Wilden Westens, „The Daddy of e`m all“. Vielleicht beim nächsten Mal.